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Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar - Kommentar von Ulrich Stockmann

08.01.2021


Dieser Kommentar von Ulrich Stockmann erschien am 8. Januar 2021 auf airliners.de

Warum sieht man das enorme Potenzial von regionalen Flugverbindungen nicht? Vielleicht, weil man Gleise im Gegensatz zu Flugrouten sehen kann? 

Haben Sie es erkannt? Die Überschrift zu diesem Artikel ist ein Zitat des Piloten und Schriftstellers Antoine Saint-Exupéry von 1943 aus "Der kleine Prinz". Wie Recht er doch hat. Heute, in einer ganz anderen Krisenzeit, könnte man sogar noch ergänzen: "Was man nicht sieht, denkt man auch nicht."

In unserer Corona Situation unterschätzen auch mathematisch Ausgebildete leicht das Ansteckungspotenzial von Gruppen. Als ich neulich einen befreundeten Ingenieur bat, mir spontan zu sagen, wie viel Paare man aus 50 Personen bilden könnte, sagte er 25. In Wirklichkeit sind es 1225.

Leider geschehen vergleichbare Fehleinschätzungen auch bei anderen nicht offensichtlichen Sachverhalten. Wenn sie gerne andere verblüffen, dann können Sie bei einer Nach-Corona-Feier ab 28 Teilnehmern mit 100 Prozent Erfolg darauf wetten, dass unter den Anwesenden mindestens zwei Personen an ein und demselben Tag Geburtstag haben.

Aber kommen wir zurück zu unserer Branche. Wenn man über Optionen für die Befriedung eines künftigen Mobilitätsbedarfs nachdenkt, oder sich im Kontext einer Resilienz-Strategie auf mögliche Krisenszenarien vorbereitet, bedarf es immer eines geeigneten "Möglichkeits-Managements".

In Deutschland gibt es rund 70 regionale Flughäfen und Flugplätze. Ob sich die Betreiber gewahr sind, das man zumindest theoretisch 2415 Flugdestinationen untereinander bedienen könnte? Selbst wenn praktisch auch nur ein Drittel davon sinnvoll realisierbar wäre, ist das ein enormes Potenzial!

Macht kommt in einer Demokratie aber nicht von Machen, wie ein bekannter Politiker meint, sondern von Handlungsmöglichkeit. Deshalb konnte die Philosophin Hannah Arendt auch formulieren: In einer Demokratie ist geteilte Macht nicht weniger, sondern mehr Macht.

Vielleicht sollten wir das Schachspielen an den Schulen stärker fördern, gleichsam als Zukunftsinvestition. Denn nur beim Schachspiel lernt man, strategisch die eigenen Handlungsmöglichkeiten kontinuierlich zu erweitern, (und die des Gegenspielers systematisch zu reduzieren).

Im Bereich des Dezentralen Luftverkehrs wird aus Spiel nun aber Ernst. Da wird die Reduktion von Konnektivität nicht wirklich ernstgenommen, sondern von manchen sogar indirekt gefordert. Die Europäische Kommission verlangt letztendlich mit ihren Beihilfebestimmungen, dass sich künftig jeder Flughafen (mit Ausnahme von kleinen Flugplätzen) selbst finanzieren muss. Welche Zukunftsblindheit!

Kein Verkehrspolitiker käme auf die Idee, dass sich bei der Bahn alle Bahnhöfe selbst finanzieren müssen. OK: Bei der Bahn sieht man halt die Gleise. Die werden nur immer dann vergessen, wenn eine Ökobilanz erstellt wird. Nur weil man die Flugrouten nicht sieht, werden die im Vergleich zu den versiegelten Flächen und gerodeten Wäldern aller Landverkehrs-träger geringen Infrastrukturen der Flughäfen unserer Branche nicht zugutegehalten.

Abgesehen davon, dass man kaum eine europäisch relevante Wettbewerbsverzerrung zwischen Regionalflughäfen konstatieren kann, ist das eine merkwürdige Denke: Offensichtlich sieht man vor lauter Flugplätzen den gesellschaftlich relevanten Flugverkehr nicht! Betriebswirtschaftliches statt volkswirtschaftliches Denken, das hat Tradition.

 

 

 

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